Die Auswirkung von Filesharing auf Verkaufszahlen in der Musik- und Unterhaltungsindustrie

War Napster der Anfang vom Ende der Plattenindustrie?
War Napster der Anfang vom Ende der Plattenindustrie?

Ist Filesharing der Grund für die Absatzschwäche in der Musikindustrie? Droht der Film- und PC-Spielbranche das selbe Schicksal. Ich habe mich mal durch ein paar mehr oder weniger interessante Studien gearbeitet.

 
  • «Both file sharers and non-file sharers among the respondents believed that musicians, actors, game designers, record companies and film and game producers are negatively affected by file sharing»
Diagramm: Rückläufige Umsätze seit Jahr 2000 in der Plattenindustrie
Augenscheinliche Kausalität zwischen dem Auftauchen von Napster und sinkenden Umsätzen der Musikindustrie
Ausgaben für Unterhaltung
Gesamtausgaben für Unterhaltung bleibt konstant, nur die Verteilung ändert sich

Viele Studien überprüfen ob es einen Zusammenhang gibt zwischen Filesharing und den Verkaufszahlen von Tonträgern. Dagegen gibt es weniger Studien über die Betroffenheit anderer digitaler Kulturgüter wie Film, Hörbücher oder PC-Spiele. Dies mag daran liegen, dass zu Anfangszeiten fast ausschliesslich die Musikindustrie von Filesharing betroffen war, denken wir nur an die Tauschbörse Napster. Und nach der Einführung von Napster im Jahr 2000 konnte man von blossem Auge erkennen wie sich die Umsätze aus dem Verkauf von Tonträgern talwärts bewegten.

Schwierige Prüfung der Kausalität

In einer ersten grossen Studie versuchten sich Oberholzer & Strumpf (2004) daran diese augenscheinliche Kausalität auch empirisch nachzuweisen, ohne Erfolg. Das methodische Problem aller Studien welche die Auswirkung von Filesharing auf Verkaufszahlen untersuchen liegt im Modell. Diese Modelle liefern Erwartungswerte für die Verkaufszahlen gäbe es den Einfluss von Filesharing nicht. Bereits die unterschiedlichen zugrundeliegenden Modellannahmen führen zu einer grossen Diversität der erwarteten Verkaufszahlen. So erstaunt es nicht, dass unterschiedliche Studien mit dieser Art der direkten Wirkungsmessung für den gleichen Zeitraum positive, neutrale und negative Zusammenhänge von Filesharing und Verkaufszahlen erkannt haben wollen.

Doch diese Studien haben nicht nur das Problem der Validität ihrer Modellvoraussagen. Meistens stützen sie ihre Untersuchung auf eine einzige Variable, sei dies die Anzahl Kopien eines Musikstückes im Web oder die Anzahl der Downloads über einschlägige Server. Doch die Möglichkeiten Musik auszutauschen sind vielfältiger. CD's können gerippt werden, Kopien können physisch verteilt werden oder über Bluetooth auf dem Pausenplatz, Musik kann auch gratis von Promotionswebseiten runtergeladen werden. Unter Berücksichtigung dieser Komplexität sind wohl andere Erhebungsmethoden vorzuziehen als die direkte Messung.

Wer sich für Musik interessiert, kauft auch mehr Musik

So haben Birgitte Andersen und Marion Frenz (2007) mittels einer Befragung von 2100 Kanadiern eine vielzahl von Variablen erhoben und getestet wie diese das ebenfalls durch die Befragung erhobene Kriterium "gekaufte Musikalben" erklären können. Erhoben wurden neben einer vielzahl alternativer Bezugsquellen auch der Preis, Qualität der Musik, das Interesse an Musik, Internetfähigkeiten, Kinobesuche, Konzertbesuche und diverse soziodemographische Daten wie Alter, Region und Geschlecht.

Keinen Zusammenhang mit verkauften Musikalben hatten die Variablen P2P Filesharing, Preis pro CD und das Einkommen. Wer hingegen ein grosses Musikinteresse hat und die Musikqualtität als hoch einschätzt kauft auch mehr CD's (welch Überraschung) und wer viel Geld für alternative Unterhaltungsmedien ausgibt kauft auch öfters mal eine CD. Die Tatsache, dass in der Unterstichprobe der Filesharer (30% der Gesamtstichprobe) ein positiver Zusammenhang gefunden wurde zwischen Anzahl P2P Downloads und gekaufter Musik ist etwas fadenscheinig und wurde wahrscheinlich bereits mit der Variable "Interesse für Musik" aufgeklärt. Schade wurde kein Stichprobenvergleich durchgeführt. Interessant wäre doch gewesen ob sich die Substichprobe "Filesharer" hinsichtlich des Kriteriums "jährliche Ausgaben für Musik" von den "Nicht-Filesharern" unterscheiden. Vielleicht war dafür die Stichprobe zu klein.

Filesharing verbessert die Wohlfahrt - zumindest für Konsumenten

Ohne empirische Beweiskraft und ganz ohne Modellannahmen kommt die Studie von Huygen, Rutten, Huveneers und Limonard (2009) aus. Sie befragten regelmässige Filesharer (original: heavy file sharers) und Repräsentanten der betroffenen Unterhaltungsindustriesektoren und zogen Daten aus Befragungen von 1'500 holländischen Internetnutzern heran. In dieser qualitativen Studie kommen sie zum Schluss, dass Filesharing sich wirtschaftlich gesehen ausgeprägt positiv auf das Gemeinwohl auswirkt, indem dass es die Zugänglichkeit und die Vielfalt von Kulturgütern auch für die ökonomisch Schwächeren stark verbessert. Hingegen sei es möglich, dass diese Praxis zu schwindenden Verkaufszahlen in der Musik-, Film- und Spielbranche führen könnte.

Sie kommen weiter zum Schluss, dass der Unhaltungsektor PC-Spiele besser gerüstet ist und über bessere Geschäftsmodelle verfügt um in Zeiten des Filesharings profitabel zu bleiben als die Sektoren Musik und Film. Während für die Musikindustrie der Schaden schon angerichtet sei, würde sich der Trend womöglich durch die verbesserten Bandbreiten auch auf die Filmindustire ausweiten. Sie empfehlen die Erschliessung von alternativen Einnahmequellen und vermuten, dass der starke Rückgang von verkauften Tonträgern, auch durch die defensiven Grundhaltung der Filmindustrie, ausgerichtet auf legale Repression und Erweiterung des Kopierschutzes, zum Teil selbsverschuldet sei. Denn es zeige sich, dass in etwa immer noch gleich viel Geld für Musik ausgegeben werde, nur verschieben sich die Ausgaben in Richtung Konzerte und Merchendising.
Schliesslich geben die Autoren die Empfehlung ab die Endnutzer nicht zu bestrafen, sondern zu informieren und zu erziehen. Ob das was wird?

Kommentar: wird Kunst wieder brotlos?

Viel Geld wurde in den letzten Jahren für Studien dieser Art ausgegeben. Einen klaren kausalen Zusammenhang zwischen P2P Filesharing und den schlechten Verkaufszahlen der Plattenindustrie konnte nicht gefunden werden. Sicher scheint mir auf jedenfall, dass auch andere Ursachen in Betracht gezogen werden müssen. So hat es die Musikindustrie verschlafen auf alternative Vertriebsmethoden umzusatteln, während der Itunesshop gute Profite damit machte. Stattdessen hat man versucht die Datenträger besser vor Raubkopierern zu schützen und man zog gegen Filesharern in den juristischen Krieg. Am Ende hatten sie analog zu Napoleon ein niedergebranntes Moskau als Preis.

Warum die Plattenindustrie letztendlich das Zeitliche gesegnet hat sollen doch in Zukunft die Historiker klären.
Ich glaube aber das es P2P Filesharing war, dass dem 5-köpfigen Drachen "Plattenindustrie" letztendlich das Schwert zwischen die Rippen steckte. Und bedenken wir, dass laut der Studie von Huygen, Rutten, Huveneers und Limonard (2009) jetzt noch 84% der Bevölkerung für Musik, Filme und PC-Spiele Geld ausgeben. Wagen wir einen hypothetischen Blick in die Zukunft, wenn nur noch 30% der Bevölkerung für kulturelle Konsumgüter zahlen? Es wäre doch leichtgläubig anzunehmen, dass diese Einbussen in den Verkäufen durch alternative Einnahmequellen völlig kompensiert werden könnten. Aber vielleicht war der Unterhaltungssektor in den letzten 20 Jahren sowieso etwas aufgeblasen und muss jetzt etwas Luft ablassen. Vielleicht sollten wir ganz liberal zusehen wie ein Künstler nach dem anderen wieder von der Kulturkarte verschwindet, mit ihm auch ein paar Tonstudios, Vertriebskanäle und legale Vertreter.

Schliesslich wird der Mensch erst in der Not so richtig Kreativ - die alte gute brotlose Kunst.