Ich weiss nicht wer von uns frustrierter ist, der Webdesigner oder der Kunde. Aus der Sicht des Webdesigners hätte besser aufgeklärt werden sollen, und genau das wird hiermit nachgeholt.
Die Idee etwas selbermachen zu wollen hat meistens mit Wollen wenig zu tun, und entsteht bei Selbstständigerwerbenden meistens aus kostengründen. Dabei lautet der Leitsatz: je mehr ich selber machen kann, desto weniger muss mein überteuerter Webdesigner machen, und desto billiger kommt mir die Erstellung und der Unterhalt meiner Webseite. Aus dieser Überlegung heraus, meldet sich der Selbstständigerwerbende für einen Ready-to-go-CMS-Kurs an. Dass dabei schon beträchtliche Kosten anfallen, wird mit der Nachhaltigkeit der Investition gerechtfertigt - schliesslich lernen wir fürs Leben.
Aber welches CMS soll nun erlernt werden? Es soll viele Erweiterungen und Templates haben und vor allem gratis sein. Einfach muss es auch sein, denn der zukünftige Webseitenbetreiber hat schliesslich überhaupt keine Vorkenntnisse. Dabei spielen Analogien und Verknüpfung zu den bisherigen Erfahrungen eine wesentliche Rolle. Mit Texteditoren im Verwaltungsbereich des CMS wird dem Neuling nahegelegt, dass Webseiten zu erstellen so einfach sei wie die Erstellung eines Worddokuments. Der unmittelbare Erfolg Webinhalte eigenhändig erschaffen zu haben beflügelt den Kursteilnehmer. Nun braucht er nur noch einen Helfer der ihm das CMS ins Internet beamt, ein passendes Gratistemplate installieren, dann kann es losgehen.
Doch auf der Webseite sieht anfangs nichts aus wie es sollte. Farben stimmen nicht, Schriftgrössen stimmen nicht, Abstände stimmen nicht, und das eigene Logo passt auch nicht so recht zum neuen Template. Eingefügte Bilder sprengen die ganze Webseite, in den Suchmaschinen taucht die Webseite gar nicht oder unter «ferner liefen» auf, und nach dem Versuch maschinenlesbare URL’s zu aktivieren ist plötzlich die Webseite gänzlich verschwunden. Dabei sollte alles so einfach sein. Und jetzt kommt die Überraschung. Der Webdesigner freut sich gar nicht über den Anruf.
Stellen Sie sich vor, Sie brauchen einen Kombiwagen, aber aus kostengründen entscheiden Sie sich für einen Kleinwagen. Später bereuen Sie diese Entscheidung und Fragen in der Werkstatt nach, ob man den Kleinwagen in einen Kombi umbauen könne. Natürlich nicht. Ihnen wird geraten, den Kleinwagen abzustossen und einen Kombi zu kaufen. Ab hier stellt sich nun die Frage, ob die Stärke gefunden werden kann, die gemachten Investitionen abzuschreiben und ein Neuanfang zu wagen, oder ob man verzweifelt versuchen wird das sinkende Schiff abzudichten.
Was ist eigentlich schief gelaufen. Zwei Sachen. Einerseits wurden im Sparrausch die eigenen Kapazitäten überschätzt. Die Zeit vergeht schnell wenn man ständig nach Lösungen googeln oder im Supportforum auf Antworten warten muss. Unter dem Strich hat da einer schnell einmal Monate damit verbracht etwas zu erlernen, dass er spätestens zum nächsten fälligen Systemupdate wieder vergessen hat. Andererseits hat nicht jeder professionelle Webdesigner Spass daran in ein System einzugreifen das nach Chaos und Patchwork aussieht. Die Ansprüche viel selber zu machen und gleichzeitig doch professionellen Support zu geniessen sind nicht ohne weiteres vereinbar.
Als ich damals den Kunden vor dem Einsatz von Joomla abriet, haben wir nicht die gleiche Sprache gesprochen. Während er dachte es handle sich hier um einen Glauben- oder Markenstreit wie zwischen Nike und Addidas ging es dabei viel mehr um die existenzielle Entscheidung zwischen Badeschlarpen oder Bergschuhen. Nun steht er da, auf zweitausend Meter über Meer im falschen Schuhwerk und der Winter naht. Aber keine Sorge, wir werden ihn dort nicht einfach so zurücklassen. Im nächsten Beitrag schicke ich ein paar wärmende Gedanken über «die Realität von einfach».